Samstag, 6. März 2010

Durch die Anden nach Chile

Die Probleme mit meinem Fahrrad führten zu insgesamt drei Tagen Zwangspause. Den letzten dieser drei Tage verbrachte ich mit einer netten Belgierin, die gerade mit dem Rad von Bariloche über Chile nach Las Lajas gekommen war. Da ich mir schon mehrfach von Radfahrern habe sagen lassen, des es sich auf jeden Fall lohnt nach Chile überzusetzen tauschte ich mit ihr einige Infos aus und beschloss nach Chile weiterzufahren. Die drei Tage Pause hatten mich träge gemacht und ich kam am nächsten Tag erst recht spät los. Dazu kamen direkt zu Anfang zwei Platten die geflickt werden wollten. Nach ein paar Kilometern kam ich zu einer Aussichtsplattform. Machte dort ein paar Fotos und danach meine Kamera kaputt, als ich mit einem Bein in ein Loch in der Plattform trat. Deswegen vorerst keine Bilder. Der weitere Tag Richtung chilenischer Grenze war anstrengend. Von 700m stieg ich auf 1550m hoch. Und das mit ununterbrochenem, starken Gegenwind. Da die Strecke nur 40-50km lang war hatte ich eigentlich mit einem lockeren Tag gerechnet und viel zu wenig Wasser mitgenommen. Schließlich blieb mir nichts anderes übrig als ein Auto anzuhalten und um Wasser zu beten – was mir auch bereitwillig gegeben wurde. Nach einem harten Aufstieg übernachtete ich in einer Unterkunft wenige hundert Meter vor der Grenze. Am nächsten Tag ging es dann weiter hoch auf knapp 1900m und von da aus eine lange wunderschöne Abfahrt runter. Von der trockenen, wüstenartigen Gegend hat sich das Landschaftsbild nach dem Überqueren der Grenze total geändert. Alles ist grün. Die Kühe sehen aus wie deutsche Kühe und nicht wie irgendwelche abgemagerten Tiere bei denen man sich fragt, was man davon eigentlich essen soll. Eine absolut willkommene Abwechslung zu dem was mich ich in Argentinien über einige Tage begleitet hat. Auch würde ich hier kaum Wasserprobleme haben. Überall strömen Bäche die Berge hinunter.
So wie sich die Landschaft verändert hat, haben sich aber auch die Leute verändert. Während in Argentinien die Autofahrer auf der Straße grüßten und sich freuten, einen Radfahrer zu sehen, grüßen die Chilenen häufig nicht mals zurück, wenn man sie grüßt. Sie fangen keine spontanen Gespräche an und geben sich keine Mühe mit dem Ausländer, dem das Spanischsprechen offensichtlich schwer fällt. So wie die Landschaft abgekühlt ist scheinen auf die Leute kälter geworden zu sein.

Ich fuhr am ersten Tag bis Lonquimay und von dort dann am nächsten Tag weiter bis Curacautin. Ohne große Besonderheiten jedoch stets begleitet von der schönen, chilenischen Landschaft.

In Curacautin war ich relativ nah am Erdbebenzentrum. In der Nacht wachte ich zwei oder dreimal von sanften Nachbeben auf. Allein diese leichten Nachbeben waren schon sehr merkwürdig und erschaudernd. Ich bin froh, das ich in der Nacht des großen Bebens weit genug weg war. Nachdem ich in den letzten Tagen wenig vorangekommen war, war ich motiviert es bis Cocun zu schaffen. Das heißt etwa 100km. Anfangs lief alles auch ganz gut. Die Strecke war flach und ich kam gut voran. Belohnt wurde ich außerdem von dem Aussicht. Vor mir erhob sich die ganze Zeit majestätisch und schneebedeckt der Vulkan Llamia. Nach einer Weile wechselt die Straße von Asphalt zu Schotter. Auch das vorerst kein Problem. Nach ca. 10-15km jedoch wurde aus dem Schotter mehr und mehr ein Gemisch aus Steinen und Sand. Dazu begann der Weg immer mehr anzusteigen. Was mich nun erwartet war die technisch wohl bisher anspruchsvollste Strecke. Etwa 20km lang ging es steil bergauf und das kombiniert mit den beschriebenen extrem schlechten Straßenverhältnissen. So steil, dass ich alle paar Meter ins Straucheln kam und absteigen musste. Die Hecklastigkeit meines Fahrrads (ich habe immer noch keine Taschen für das Vorderrad gefunden) machte mir extrem zu schaffen. Ständig hob das Vorderrad ab, was es um so schwerer machte einigermaßen die Kontrolle zu bewahren. Das regelmäßige Absteigen war nicht nur extrem ermüdend sondern auch demotivierend und zeitraubend. Zu der Anstrengung in den Beinen kam immer mehr auch die Anstrengung in den Armen. Bei jedem Anhalten musste das Fahrrad davon abgehalten werden den teilweise extrem steilen Weg wieder rückwärts runter zu rollen. Außerdem drohte es ständig zur Seite umzukippen, wenn man mal wieder ins Wanken gekommen war. Das mit den Armen auszugleichen war keine leichte Aufgabe. Als ich schließlich oben angekommen war, war meine Hinterradbremse am Ende ihrer Kräfte. Der Belag war vollkommen verbraucht und Metall rieb auf Metall. Für die 20km Aufstieg hatte ich etwa fünf Stunden gebraucht. Jetzt war ich  in einem Nationalpark angekommen. Ein wunderschöner Wald  in dem es von Vögeln nur so zu wimmeln schien. Aufgrund der Konzentration, die ich der Straße widmen musste konnte ich das aber leider viel zu wenig genießen. Auch die Abfahrt war mühsam, da der Weg steil aber uneben und von Schlaglöchern gespickt verlief. Am frühen Nachmittag erreichte ich einen See, der mich für alle Mühen entlohnte. Es war sicherlich einer der schönsten, wenn nicht der schönste See, den ich je gesehen habe. Das Wasser war glasklar, um mich herum waren grüne Bäume und auf der anderen Uferseite erhoben sich die schneebedeckten Gipfel der Anden. Ein traumhafter Anblick. Ich könnte mir eine längere Auszeit ging schwimmen und aß eine Kleinigkeit. Mein Weg verlief weiter durch den Wald des Nationalparks. Doch hinter einer Biegung veränderte sich die Landschaft so abrupt, wie man es sich nicht vorstellen kann. Von grünem, belebten Bäumen kam ich von einen Augenblick auf den nächsten in die ödeste und lebensfeindlichste Landschaft, die ich je gesehen habe. Überall waren pechschwarze Felsen. Der graue Schotterweg, der sich vor mir durch die Landschaft schlängelte, stellte den einzigen Kontrast zu all dem Schwarz dar. In größerer Entfernung waren rechts und links von mir die bewaldeten Berge mit all ihrem Grün. Doch vor mir der blanke Tot. Nichtmals mehr Eidechsen schienen diese Ebene zu bevölkern. Ich drehte mich um, weil ich selbst nicht glauben konnte, dass ich noch eben in einem wunderbaren Wald gewesen sein sollte. Es kam mir vor als wäre ich durch ein Portal in eine andere Welt geschritten. Was ich hier sah waren die Auswirkungen eines Vulkanausbruches vor zwei Jahren. Ich fuhr eine Weile durch dieses schwarze Meer aus Steinen. Mit der Zeit begannen einige grünen Pfanzen aus all dem Schwarz emporzuwachsen. Nach ein paar Kilometern sogar die erste Bäume. Und mir wurde klar, dass der Vulkan nicht alles Leben hier ausgelöscht hat. Er hat lediglich altes vertrieben, damit neues Leben nachkommen kann. So wie es die Aufgabe des Vulkans ist und wie es der Kreislauf der Natur verlangt. Es war auf seine Weise faszinierend diese Entwicklung zu sehen. Die schwarze scheinbar tote Steinwüste, die ersten Pflanzen die daraus hervorwuchsen und um mich herum die grünen Wälder. Die in alle den Jahrtausenden zuvor sicherlich schon etliche Male von dem Vulkan zerstört wurden, um wieder neu zu entstehen. Genauso schnell wie diese Landschaft gekommen war, verschwand sie auch wieder. Um eine weitere Biegung herum war ich wieder im Wald. Und all das was ich vorher gesehen hatte erschien mir wie ein Märchen so surreal war es. Mein Weg führte weiter vorbei an einem Schild, dass anzeigte das die Vulkanwarnstufe gerade auf „extremo“ stand. Ein Blick zum Vulkan ließ mich auch den leichten Dampf wahrnehmen, der aus ihm aufstieg und ich war froh, als ich das Schild passierte, dass mir mitteilte, dass ich außerhalb der Gefahrenzone bin.


Habe außerdem eine aktualisierte Version der GoogleEarth Datei hochgeladen.

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