Donnerstag, 6. Mai 2010

Von Susques durch die Hölle nach San Pedro


Während meines Pausetages in Susques lernte ich eine Gruppe aus drei schweizer Radlern kennen. Sie hatten die selbe Route wie ich über den Paso Jama geplant. Und machten ebenfalls einen Tag Pause in Susques. Am selben Tag entdeckte ich zwei gebrochene Speichen an meinem Rad, was mir die Option vom Paso Jama direkt weiter nach Bolivien zu fahren nahm. Allerdings hatten die Schweizer Ersatzspeichen parat und in dem Dorf gab es tatsächlich sowas wie eine Fahrradwerkstatt. Neue Hoffnung schöpfend brachte ich das Rad samt Speichen zur Fahrradwerkstatt und mir wurde zugesagt, dass es am nächsten Morgen um neun fertig sei. Aus neun wurde 12 und ich beschloss statt so spät noch zu starten am nächsten Tag gemeinsam mit den Schweizern aufzubrechen. Ich wurde dazu genötigt mir morgens einen Wecker zu stellen. Um 6:15 war aufstehen. Geplante Abfahrt dann zwischen 7:30 und 8:00 Uhr. Ein Platten am meinen Rad verzögerte das ganze, aber um kurz nach 8 waren wir schließlich unterwegs. Der Wind war uns an diesem Tag gut gesonnen. Teilweise hatten wir sogar etwas Rückenwind. Dafür regnete bzw. je nach aktueller Höhe hagelte es ein wenig. Insgesamt kamen wir gut voran. Probleme machte lediglich meine Gesundheit. Nach etwa 75km hatte ich so starke Kopfschmerzen und Schwindelgefühle (vermutlich bedingt durch die Höhe), dass der Tag für mich gegen 15:30 endete. So trennte sich also die Gruppe recht schnell wieder. Ich verkroch mich in mein Zelt und lauchte dem Hagel, der auf die Plane prasselte. Am nächsten Tag hatte sich die Landschaft dann verändert. Die Gipfel die am Nachmittag noch braun gewesen waren, waren nun von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Ich war wieder fit und radelte flott der argentinischen Grenze entgegen. Am frühen Nachmittag erreichte ich die Grenze.
Frischer Schnee auf den Gipfeln
 Argentinische Grenze

Das Wetter schien perfekt für einen Fahrradtag. Es war leicht bewölkt und windstill. Doch die Zöllner teilten mir mit, dass der Pass wegen Schneefall gesperrt sei. Die drei Schweizer hatten Glück. Sie hatten die Grenze noch vor der Sperrung passiert. Alles diskutieren brachte nichts. Das größere Problem war für mich, dass meine Vorräte zur Neige gingen. Eigentlich hatte ich geplant an der Grenze meinen Proviant aufzufüllen. Doch es war 1. Mai und damit auch in Argentinien Feiertag. Ein Tag an der Grenze hieß also auch für einen Tag weniger Vorräte. Ich rechnte nochmal durch und kam zu dem Ergebnis, dass ich gerade genug für die geschätzten 2,5 Tage hatte, die ich noch brauchen würde. Im Laufe des Tages fing es immer mehr an zu Hageln und es wurde mit der Zeit bitterkalt. Die Nacht verbrachte ich im Rohbau einer Lehmhütte. Am nächsten Tag hörte ich dann bereits beim Aufwachen den Wind durch die Hütte pfeifen. Ich hatte also einen Tag mit vermeindlich gutem Wetter gegen einen windigen getauscht. Erneut an der Grenze angekommen hieß es wieder warten. Um 11 Uhr wurde die Grenze geöffnet. Ein paar weitere wichtige Stunde verloren im Kampf mit den schwindenden Vorräten. Als erster verließ ich die Grenze. Es war kalt und der Wind war schon um die Zeit recht stark und ich kam schlecht voran. 
Blick zurück auf die Grenze

Nach einigen Kilometern kam mir eine Gruppe Radfahrer entgegen. Ich war überrascht, als ich die drei Schweizer wiedererkannte. Sie berichteten von Schneesturm am Vortag und zu starken Winden am aktuellen Tag. So dass sie schließlich vor dem Wind kapitulierten und sich auf den Rückweg machten, um von der Grenze aus zu trempen. Die Berichte ließen mich an meinem Plan zweifeln den Rest der Strecke in 2,5 Tagen zu schaffen und mir kamen wieder meine geringen Vorräte in den Sinn. Aber zu motiviert, um so früh abzubrechen ging es weiter. Ich kämpfte gegen den mit jeder Minute und jedem Höhenmeter stärker werdenden Wind. Nach einer Weile stellte ich fest, dass mich lange kein Auto überholt hatte. Und ich spekulierte, dass die Grenze wieder geschlossen ist. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Erste kleine Schneeflocken peitschten mir entgegen. Scheinbar befand ich mich im oberen Bereich einer Schlechtwetterwolke. Wenn die Wolke gerade etwas aufstieg hatte ich einen heftigen Schneesturm, der meine Nase – dem einzigen freiliegenden Körperteil – mit Hagelkörner maltretierte. Im anderen Fall hatte ich strahlenden Sonnenschein, allerdings trotzdem enormen Wind. In den Übergängen gab es sogar die Kombination Schneesturm mit strahlendem Sonnenschein. Fingerspitzen und Zehen begannen immer mehr vor Kälte zu schmerzen und ich kämpfte mich unter diesen widrigen Bedingungen an diesem Tag in 6 Stunden anstrengender Fahrt ganze 25km weit. Beim abendlichen Zähnenputzen stellte ich dann fest, dass mein Trinkwasser teilweise gefroren war. Ich zeltete in einem trockenen Flussbett neben der Straße. Das Zelt beschwert mit Steinen, um den Winden zu trotzten, verharrte ich im Schlafsack.

Nach Sonnenuntergang war es draußen bitterkalt. Ich began an diesem Text zu schreiben, doch schon bald froren die Finger ein. So hatte ich keine Wahl als im warmen Schlafsack auf den Sonnenaufgang zu warten. Eine kalte, ungemütlich und lange Nacht. Als die ersten Sonnenstrahlen am Zelt kitzelten quälte ich mich langsam in einen kalten Morgen. Fast all mein Wasser war gefroren. Der kleine flüssige Rest an Wasser, den ich hatte, reichte gerade fürs Frühstück. Danach bat ich die Sonne ihren Job zu tun und mein Wasser sowie meine Zehen aufzutauen. Sie tat es, wenn auch langsamer als erhofft. So musste ich in den ersten Stunden mit weniger Wasser auskommen, als ich es gerne gehabt hätte. Schon am Morgen war es wieder windig und ich kämpfte mich erneut langsam gegen heftigen Wind voran. Eigentlich war das Ziel an diesem Tag den nächsten Pass zu überwinden. Aber schon gegen Mittag war klar, dass ich es nicht schaffen würde.

Letztlich musste ich beim Beginn des Anstiegs auf 4.600m Höhe mein Zelt aufschlagen. Eine weitere Nacht in extremer Höhe wartete auf mich. Diesmal nahm ich ein paar Liter Wasser mit in den Schlafsack, um sie vom Gefrieren abzuhalten. Erneut war es bitterkalt und jedes Körperteil, dass man aus den Schlafsack streckte, schien unmittelbar einzufrieren. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgan waren es über zwölf Stunden, die es zu überbrücken galt. Ungemütlich auf der harten, billigen Isomatte, umgeben von Dunkelheit und Kälte. Häufig wachte ich auf, warf einen Blick aus dem Schlafsack und hoffte, dass die Sonne endlich aufgegangen ist. Ich träumte von Palmen, Strand und Cocktails aus halbierten Kokosnüssen. Es war wohl eine der längsten und schlimmsten Nächte meines Lebens. Spätestens an diesem Punkt konnte ich keinen Grund mehr finden, warum ich mir das eigentlich antat. Seit der Abfahrt in Susques bestand die Tour aus stetig steigenden Qualen. Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und Kälte waren die Dinge, die die letzten Tage geprägt haben. Ich schwor mir, dass ich mir so etwas nie wieder antun würde. Als dann endlichen die Sonne aufgegangen war begann ein neuer, harter Tag. Diesmal lag die Überwindung der letzten beiden Pässe vor mir. Bis zum ersten Pass waren es noch gut zweihundert Höhenmeter. Obwohl es früh am Morgen war und ich eigentlich erholt, stellten diese Höhenmeter schon eine Herausforderung da. Was auf tieferen Höhen kein Problem darstellte, erwies sich hier als sehr anstrengend. Die dünne Luft brachte einem keinerlei Erholung in den Pausen und so quälte ich mich langsam gen Gipfel. Knapp hundert Höhenmeter vor dem Ziel hörte ich ein Schnaufen hinter mir und war überrascht Florian, einen der Schweizer hinter mir zu sehen. Sie waren am vorigen Tag bis zu der Stelle getrempt, wo sie das letzte Mal umgekehrt waren. Und ohne voneinander zu wissen, campten wir nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Ein knappe halbe Stunde vor mir gestartet hatten sie dann diese Distanz überwunden und mich schließlich eingeholt. Gemeinsam erstürmten wir bei strahlendem Sonnenschein den Gipfel.
 Gemeinsames Gipfelfoto auf 4.839m Höhe

Der höchste Punkt, auf dem ich mich in meinem Leben befand und eventuell der höchste Punkt, den ich je mit eigener Kraft erreicht haben werde, bot erstaunlich wenig Aussicht. Die Landschaft war langweilig und man wurde wenig belohnt dafür, dass man sich hunderte von Kilometern zu diesem Punkt gequält hatte. Seit langem war das Wetter mal wieder wohlgesonnen und gemeinsam radelten wir dem letzten Pass und San Pedro entgegen. Nach der Mittagspause fingen die Kopfschmerzen und die Magenbeschwerden wieder an stärker zu werden. Alles Koka kauen half nicht. Auch der Wind setzte später wieder ein und so wurde der Tag doch noch zur Tortour.

Wir erreichten den nächsten und letzten Pass. Von hier waren es noch etwa zehn Kilometer bis eine rasante Abfahrt beginnen sollte. Diese zehn Kilometer wuchsen für mich zu Höllenqualen heran. Waren die Kopfschmerzen schon die ganze Zeit über angestiegen erreichten sie nun ungeante Ausmaße. Jede einzelne Pulsschlag schmerzte in meinem Kopf wie ein Hammerschlag. Jede Bodenunebenheit trieb mir die Tränen in die Augen. Einzig das Wissen, dass es nicht mehr weit ist und dass es danach bergab auf eine angenehme, schmerzfreie Höhe ging schien mich am Leben zu erhalten. Als schließlich die letzte Steigung überwinden war und klar, war das all das eine Ende hatte brach ich neben meinem Fahrrad zusammen. Ich weinte Tränen des Schmerzes aber auch Tränen der Erleichterung und der Freude. Zu den unmenschlichen Schmerzen in meinem Kopf gesellte sich vornehmlich das Gefühl der Erlösung, nur noch wenige Minuten und ich würde wieder dicke, sauerstoffreiche Luft atmen können. Aber auch Stolz und die Freude diese Herausforderung gemeistert zu haben erfüllte mich.
Das lang ersehnte Schild, Ende der Qualen und Beginn der Abfahrt

Dann ging es abwärts. Von etwa 4.500m auf 2.200m. Eine etwa 30km lange Abfahrt ohne viele Kurven. Ohne ein eínziges mal bremsen zu müssen stürtze ich mich den abhang hinab. Schreiend und jubelnd pulsierte das Adrenalin in meinen Venen. Mit gut 60kmh rauschte ich an einer Gruppe aus Radfahrern vorbei, die sich gerade nach oben gequält hatten. Mit über 70kmh näherte ich mich einem kleinem Schneefeld und zögerte kurz, doch ich hatte keine Wahl. Zum Bremsen oder Ausweichen war ich zu schnell und so ging es quer durch den Schnee. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 88,3kmh kam ich unten mit der untergehenden Sonne an. Das Adrenalin tat seinen Job als Schmerzmittel und alle Kopfschmerzen waren weggeblasen. Aufgepuscht und glücklich beobachte ich die Sonne, wie sie langsam hinter den Bergen verschwand, um dann gemütlich die letzten Kilometer in der Dunkelheit nach San Pedro zu radeln.

Ich hatte es geschafft und ich wusste, dass ich so etwas nie wieder machen muss. Der Plan die komplette Lagunenroute und damit auf noch höhren Höhen zu radeln war verworfen. Und ich war froh in der Oasenstadt wieder der Zivilisation und einer Dusche zu begegnen.

Dienstag, 27. April 2010

Pumamarca nach Susques


Am Abend in Pumamarca traf ich noch zwei Franzosen, die ich bereits aus Salta kannte. Sie hatten am gleichen Tag wie ich Salta verlassen und sind von da aus mit dem Bus in zwei kleinere Städte in der Umgebung zu gefahren. Am nächsten morgen traf ich sie erneut. Wartend auf ihren Bus nach San Pedro.
Für mich begann nun der tatsächlich aufregende Teil der Tour. Bis zum ersten Pass lagen ziemlich genau 2.000 Höhenmeter vor mir. Mit 12 Litern Wasser und ein paar Kilo Proviant war mein Fahrrad noch ein Stück schwerer als üblich. Das Minimalziel für den ersten Tag waren 1.200 Meter in der Höhe zu schaffen. Im Gegensatz zu allen vorherigen Strecken ignorierte ich an diesem Tag die Tageskilometer anzeigen vollkommen. Stattdessen pendelten meine Augen zwischen der schleppend ansteigende Höhenanzeige des GPS und der umgebenden Landschaft. Ich kam erstaunlich gut voran und korrigierte mein Ziel immer weiter nach oben. Bis ich schließlich so tollkühn war zu hoffen es in einem Tag bis oben zu schaffen.

Ab etwa 3.000m Höhe begann ich leichte Kopfschmerzen zu bekommen. Ich interpretierte das als erstes Anzeichen der Höhenkrankheit, von der ich schon einige üble Geschichten gehört hatte. In Purmamarca habe ich mich vorsoglich mit dem lokalen Wundermittel dagegen eingedeckt: Kokoblätter. Was erstmal nach Droge klingt, ist letztendlich nichts anderes als ein besseres Kaugummi. Es hilft gegen Hunger, Kälte, Müdigkeit und eben die Höhenkrankheit. (Und macht laut Wikipedia in keinster Weise süchtig). Die Backen mit Blättern vollgestopft ging es weiter. Gegen 13 Uhr setzte dann der erste Wind ein, bis dahin aber noch so schwach, dass ich nicht an meinen höher gesteckten Zielen zu Zweifeln begann. Die Stärke des Windes nahm konstant zu und nach einer Weile korrigierte ich meine Ziele wieder nach unten. Gegen 15 Uhr war der Wind dann so stark, dass ich es als zu Gefährlich empfand weiter zu fahren. Einzelne Böen waren durchaus in der Lage mich fast von der Straße zu wehen, was auf einer Passstraße wie dieser nicht zu unterschätzen war. Ich versuchte ein schattiges Plätzchen für eine Mittagspause zu finden. Zunächst begnügte ich mich mit einer Felsspalte, die ich aber schon etwa 10 Minuten später als zu ungemütlich empfand und wieder verließ. Letztlich endete ich zwischen ein paar Büschen die mir wenigstens etwas Schutz vor der Sonne und dem Wind boten.
Mittagspause zwischen den Büschen

Einige Zeit später gab ich es dann auf, auf ein abflachen des Windes zu warten und fuhr weiter. Allerdings stets mit einem gewissen Sicherheitsabstand zum Fahrbahnrand. Anstatt sanfter wurde der Wind nach und nach stärker. Zweimal stürzte ich, weil ich von überraschenden, starken Böen umgeworfen wurde. Das Fahren bestand aus einem stetigen Anhalten und abwarten, bis die momentane Böe abgeflacht war. Die stärksten Böen waren so heftig, dass ich vom Fahrrad absteigen und mich an der Leitplanke festhalten musste, da selbst normales Stehen unmöglich war. Gegen 18 Uhr beschloss ich dann einen Platz für mein Zelt zu finden. Kein leichtes Unterfangen, auf einer Straße, die auf einer Seite steil abfällt und auf der anderen steil aufsteigt. Ich kämpfte mich also noch weiter durch den Wind. Teilweise das Fahrrad schiebend, da fahren schlichtweg unmöglich war. Als ich gerade einen vermeintlichen Platz gefunden hatte, hielt ein Lastwagen und der Fahrer erklärte mir, dass nur einen Kilometer weiter ein Haus sei, in das ich mich einquartieren könnte. Zögernd beschloss ich den letzten Kilometer zu wagen. Auf dem Weg traf ich ein Österreiches Päärchen auf dem Fahrrad, die den Pass schon überwunden hatten. Zu meiner Beruhigung erklärten sie mir, dass der Wind – was ihre Erfahrungen betrifft – tatsächlich extrem sei. Ich fand schließlich das Haus, von dem der LKW-Fahrer gesprochen hatte. Allerdings war es praktisch unmöglich zu erreichen. Es war etwas abseits der Straße und auf dem Weg dorthin lag ein etwa drei Meter tiefer, steiler Graben. Allerdings gab es ganz in der Nähe einen perfekten Platz für mein Zelt. Nach 1.400 überwundenen Höhenmetern verbrachte ich eine kalte Nacht auf 3.700m Höhe.

Nach einer kalten Nacht ging es dann am nächsten Tag weiter. Die Annahme, am Morgen ohne Wind starten zu können, erwies sich als falsch. Zwar war es kein Vergleich zu dem Wind vom Vortag aber alles andere als Windstil. Ich quälte mich also langsam den Pass hinauf. Zwischendurch erinnerten mich immer wieder aufkommende Kopfschmerzen daran die Kokablattration in meiner Backe zu ersetzen. Die Temparaurunterschiede auf dem Weg waren extrem. Die dünne Luft war nicht in der Lage die Wärme zu speichern. Wodurch jede Wolke, die sich vor die Sonne schob, bittere Kälte verursachte. In windstillen Momenten brannte die Sonne dafür nur so. Auf ca. 3.900m wurde der Wind dann so eisig, dass ich meine Winterausrüstung anzog. Mit Handschuhen, Skimaske und Wollpulli ging es die letzten Höhenmeter hoch. Auf 4.192m hatte ich es dann geschafft. Der höchste Punkt des Passes und ebenfalls der höchste Punkt auf dem ich bis dahin je gewesen war.
Stolz, erschöpft und verfroren am Gipfel angekommen

Ich verdrängte den Gedanken an die beiden vor mir liegenden, höheren Pässen und ließ ein paar Tränen der Erleichterung zu. Danach wartete eine ebenso rasante wie kalte Abfahrt auf mich. In kürzester Zeit verlor ich die hart erarbeitenden Höhenmeter und war wieder auf etwa 3.400m, wo die „Salinas Grandes“ auf mich warteten. Ein großer Salzsee auf einer noch größeren Hochebene. Der Wind hatte inzwischen vollkommen ausgesetzt und ich genoss es mit verhältnismäßig hoher Geschwindigkeit, locker durch diese Landschaft zu radeln.
Zwischen den Bergen sieht man bereits die Salinas Grandes
Der Weg durch den Salzsee
 Salzabbauer beim Volleyballspielen
Alpakas kreuzen öfters die Straße
Stürmige Sandböen

Etwa in der Mitte des Salzsee ist eine Station der Arbeiter, die Salzabbauen. Dort hielt ich meine Mittagspause ab und füllte meine Wasserreserve etwas auf. Danach ging es weiter entlang der Hochebene. Der Wind setzte wieder ein und das lockere Radeln wurde wieder quälender. Zudem ließen sich die mittlerweile anhaltenden Kopfschmerzen nicht mehr mit Kokablättern bezwingen. Ich beschloss die geschätzten 5-10km der Hochebene noch zu überwinden, ein bisschen in die Berge reinzufahren und dann frühzeitig einen Platz für mein zelt zu suchen. Nach einer Weile stellte ich allerdings die Unmöglichkeit fest, auf dieser immer gleichen Hochebene die Entfernung zu schätzen. Nach 5km schätzte ich die Entfernung zu den Bergen immer noch auf 5-10km. Nach weiteren 5km immernoch. So zog sich das Spiel eine ganze Weile hin und ich radelte letzten Endes noch 40km auf der Hochebene bis ich dann mit der untergehenden Sonne, am Fuße der nächsten Berge, im Windschatten eines dornigen Busches mein Zelt aufschlug.

Der dritte Tag auf der Etappe bis Susques war vergleichsweise eine Wohltat. Zwar wurde ich vom „Paso Mal“ überrascht der mich wider erwarten erneut auf etwa 3.880m hochführte und auch der Wind verschonte mich nicht vollkommen. 

Unterwegs traf ich drei Arbeiter. Um der Sonnenstrahlung zu entgehen, waren sie in dicke Pullover, Handschuhe und Skimasken gehüllt. Und das bei absoluter Hitze. Ihre Aufgabe war es das Flussbett (von dem Fluss, der derzeit kein Wasser hat) zu erweitern, damit die Straße nicht überflutet wird. Dabei verwendeten sie primitivstes Werkzeug. Mit Brecheisen und Spitzhacke bearbeiteten sie den massiven Fels. Sie hatten weder Strom noch Benzin zur Verfügung. Bei dem Gedanken daran, was diese Männer täglich leisten, komme ich mir beinahe lächerlich vor, wenn ich von den Strapazen einer mehrtägigen Fahrradtour berichte. Hochachtungsvoll ließ ich die Arbeiter hinter mir und ging den Tag weiter ganz entspannt an, um schließlich wohlbehalten in Susques anzukommen. 
Anfahrt auf Susques
 
Hier werde ich eventuell einen Tag Pause einlegen (allerdings gibt es hier absolut nichts, was man an diesem Tag machen könnte). Um dann meine nächste Etappe zu starten. Der nächste Ort mit Internet ist dann entweder San Pedro de Atacama oder irgendwo in Bolivien, je nachdem für welche Strecke ich mich letztlich entscheide.

Samstag, 24. April 2010

Auf dem Weg nach San Pedro de Atacama

Nachdem mir die Zeit in Hostels dann doch etwas lang wurde, ist es Zeit für die nächste Radetappe. Gestartet bin ich vor drei Tagen in Salta und bin derzeit in Purmamarca. Den ersten Tag ging es die ruhige Ruta 9 entlang bis nach „El Carmen“. Schon auf der Busfahrt von Mendoza nach Salta hatte ich die atemberaubenden bewaldeten Berge in der Umgebung bewundert. Auf der Radtour bot sich mir dann eine der wunderbarsten Landschaften, die ich bisher gesehen habe. Die kleine Straße schlängelte sich durch dschungelartige Wälder und hinter jeder Ecke wartete ein neues Panorama. Das Wetter spielte nicht mit. Es regnete den kompletten Tag leicht und der Nebel versperrte teilweise den Ausblick. Allerdings verlieh der Nebel der Landschaft auch etwas besonderes. Etwas mysteriös, märchenhaftes. Auch am zweiten Tag hatte sich das Wetter kaum verbessert. Es war immer noch neblig, auch wenn der Regen abgenommen hatte. War ich am ersten Tag noch hochmotiviert und froh wieder auf dem Fahrrad zu sein, zerrte die Kälte und der Feuchte Nebeln nun an meinen Kräften. Die nun stetige Steigung tat das weitere dazu. Ich verfluchte sie zunächst und machte mir dann bewusst, dass sich das die nächsten 10-15 Tage kaum ändern wird. Auf etwa 1.800m Höhe passierte ich dann die Baumgrenze. Etwas betrübt war ich, als mir klar wurde, dass mir damit die Chance entgeht diese Landschaft mit etwas mehr Weitblick genießen zu können. Etwas weiter höher tauchte ich dann komplett in eine Wolke ein (auf 2.200m Höhe würde ich nicht mehr von Nebel sprechen), die mir jeglichen Ausblick nahm. Die Sichtweite betrug jetzt geschätzte 30m. Halbblind und ausgelaugt ging es das letzte Stück bergab bis nach Volca. Dort gerade rechtzeitig vor der Dunkelkeit angekommen, gönnte ich mir ein Bett anstatt mein Zelt irgendwo aufzubauen.

Am nächsten morgen erwarteten mich dann einige Veränderungen. Das erste was ich feststellte, war das meine Kamera offensichtlich dem Dauernebel erlegen ist. Ich hoffe nun, dass ein paar trockene Tage ihr wieder auf die Beine helfen werden. Im Moment funktioniert das Fotografieren nur sehr eingeschränkt und mit viel Glück. (Die meißten Bilder sind vollkommen überbelichtet). Den nächsten Unterschied, bemerkte ich als ich aus der Tür ging. Das Wetter war vollkommen umgeschlagen. Der Himmel war strahlend blau und die Sonne knallte. Bevor ich wirklich losfuhr, wechselte ich von der, in den letzten beiden Tagen zur Gewohnheit gewordenen, langen, warmen Kleidung zur kurzer Hose und T-Shirt. Als ich dann die ersten hundert Meter mit gefahren war, stellte ich die dritte Veränderung fest. Die Landschaft hatte sich komplett gewandelt. Offenbar habe ich durch den dichten Nebel, auf dem letzten Stück diesen Übergang nicht mitbekommen. Die Berge, die vorher grün waren, waren nun braun und mit Kakteen bewachsen, die nicht selten größer als fünf Meter waren. Mit der Sonne kam auch der Wind wieder. Natürlich als Gegenwind. Genau wie die Steigung am Vortag verfluchte ich auch ihn zuerst und machte mir dann klar, dass ich mich besser an ihn gewöhne. Für diesen Tag hatte ich nur eine kurze Etappe von etwa 25km vor mir. Aber die knallende Sonne und der starke Wind, machten mir klar, dass ich meine Schätzung für die nächsten Teilstrecken wohl deutlich nach oben korrigieren musste. Kurz vor meinem Tagesziel „Purmamarca“ begnegte ich noch ein paar Chilenen. Diese machten gerade an einem Aussichtspunkt auf den „Berg der 7 Farben“ Rast.

Begeistert davon einem Radfahrer zu begegnen fragten sie mich über meine Reise aus und schenkten mir kalten(!) Orangensaft, frische Obst und Brot. Alles mit den Worten, dass das in Purmamarca so teuer sei. Scheinbar bedeutet Fahrradfahren für diese Leute, dass man nicht viel Geld hat. Wie dem auch sei ich nahm die Dinge dankbar an und kam kurz danach in Purmarca an. Hier werde ich jetzt meine Vorräte auffüllen und mir überlegen müssen, wie ich die nächsten Tage überwinde. Vor mir liegen geschätzte vier Tage  des stetigen Aufstiegs ohne jeglichen Ort und ohne Möglichkeiten Wasser oder Nahrung zu kaufen bis nach Susques. Ich werde die „Salinas Grande“ passieren und mich ragen, warum ich mir diese Tortur eigentlich antue. Danach geht es dann noch weiter nach oben und noch länger ohne Ortschaften über den Paso Jama nach Chile und bis nach San Pedro de Atacama.

Salta


Nach ein paar weiteren Tagen in Mendoza, die ich unter anderem mit drei netten Iren (bzw. zwei Irinnen und einem Iren) verbracht habe, ging es dann weiter nach Salta. Das erste mal mit größeren Problemen wegen des Fahrradstransport. Letzten Endes kostete es mich 20 Pesos (4,- €), eine Nacht mehr in Mendoza und viele Diskussionen, um mein Fahrrad in den Bus zu kriegen. Nach dem Relaxen und Feiern in Mendoza gab es in Salta dann das volle Kulturprogramm. (Zumindestens für meine Verhältnisse.) Neben Besichtungen der Kathedrale und ähnlich prunkvoller Gebäude. 

Kam eine Aufführung des „Orchestra de Salta“ (wobei das „Salta“ sich hier auf die Provinz Salta und nicht auf die Stadt bezieht). Für mich, der ich ja nicht gerade viel mit klassicher Musik am Hut habe, eine ungewohnte aber schöne Erfahrung. 

Zwei Tage später ging es dann zu den Feierlichkeiten zu Saltas Geburtstag (428 Jahre). Verschiedene Folklorebands gaben hier ihr bestes. Anschließend wurde das Nachtleben von Salta ausgekostet.

Weitere zwei Tage später war dann das Theater dran. Hier führten verschiedene Gruppen traditionelle Musik und Tänze auf. Was definitiv das Highlight der Zeit in Salta war.
Salta bei Nacht
Und am frühen morgen